SV Sandhausen als Titelkandidat der Saison 2026/27: Qualität statt Quantität in der Kaderplanung

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Der Trainerwechsel beim SV Sandhausen nach der Niederlage gegen die Kickers Offenbach am 19. Spieltag von Olaf Janßen zu Kevin Stotz brachte für die restlichen Spiele den erhofften Erfolg, auch wenn der Absteiger aus der 3. Liga am Ende nicht über einen Platz im Mittelfeld hinauskam. Insgesamt war durch die Systemumstellung jedoch eine deutliche Feinjustierung in der Schaltzentrale des SVS zu erkennen – insbesondere im Mittelfeldzentrum und in der Absicherung gegen den Ball. Die Umstellung vom 4-1-4-1 auf ein 4-2-3-1 hat die Statik der Mannschaft spürbar verändert: mehr Stabilität im Zentrum und eine klare Rollenverteilung im Offensivspiel. Diese soll durch kluge und hochwertige Neuzugänge weiter verstärkt werden. Auch wenn sich Trainer Stotz und Sportdirektor Anthony Loviso nach dem letzten Spieltag zurückhaltend äußerten, dürfte Sandhausen in der kommenden Saison eine Rolle im Aufstiegskampf spielen.

Grundstruktur: Mit der Doppelsechs zur Stabilität

Unter Janßen agierte Sandhausen im 4-1-4-1 mit einem „Abräumer“ auf der Sechserposition als zentralem Stabilisator vor der Abwehr. Das System ist grundsätzlich auf Kontrolle ausgelegt, setzt aber voraus, dass die beiden Achter extrem diszipliniert nach hinten arbeiten und die Abstände zwischen den Ketten gering halten. Genau hier zeigte sich jedoch ein wiederkehrendes Problem: Wenn der Gegner Druck erzeugte – sei es im eigenen Ballbesitz oder im Gegenpressing –, wurde das Mittelfeldzentrum überladen und es entstanden viele Anspielstationen in den Halbräumen.

Mit der Umstellung auf das 4-2-3-1 hat Stotz dieses strukturelle Risiko gezielt reduziert und die Spielweise dadurch insgesamt stabiler sowie effektiver gemacht. Der zweite Sechser sorgt für eine deutlich bessere horizontale Absicherung vor der Abwehr. Ballverluste im Aufbau werden seltener sofort bestraft, weil immer ein Spieler absichert, während der andere aktiv ins Pressing oder in den Spielaufbau gehen kann. Dadurch war das Zentrum nicht nur kompakter, sondern in Pressingsituationen auch deutlich effektiver.

Mehr Kontrolle im Zentrum und klare Rollenverteilung in der Offensive

Gerade im Vergleich der beiden Systeme spricht die Entwicklung insgesamt klar für das 4-2-3-1. Zwar ist die reine Gegentoranzahl nicht massiv gesunken, doch die Qualität der defensiven Kontrolle ist spürbar gestiegen. Durch die Verdichtung des Zentrums mittels der Doppelsechs kam es seltener zu gegnerischen Durchbrüchen durch die Mitte. Gleichzeitig verlagerte sich das Risiko bewusster auf die Außen- und Halbräume, was durch die bessere Absicherung im Zentrum insgesamt besser aufgefangen wurde.

Auch offensiv zeigt das 4-2-3-1 beim SVS seine Vorteile – vor allem in der Klarheit der Rollenverteilung. Die Mannschaft zeigte unter Stotz ein strukturierteres Positionsspiel: Die Zehn fungierte als festes Bindeglied zwischen Mittelfeld und Angriff, die Flügelspieler agierten dank der gewonnenen defensiven Stabilität mutiger im Eins-gegen-eins, und der Stürmer wurde gezielt als Wandspieler in die Angriffe eingebunden. Dadurch entstand zwar nicht zwingend mehr Ballbesitzdominanz, aber ein strukturierteres und zielgerichteteres Angriffsspiel.

Die Systemumstellung spiegelte sich auch in den Ergebnissen wider. Unter Janßen holte Sandhausen in acht Spielen drei Siege, drei Unentschieden und zwei Niederlagen (vom 19. bis 26. Spieltag). Unter Stotz hingegen stehen fünf Siege bei drei Niederlagen zu Buche. Nach der Niederlage gegen den späteren Meister SG Sonnenhof Großaspach zum Debüt von Stotz fuhr der ehemalige Zweitligist vier Siege in Folge ein. Diese Entwicklung zeigt, welches Potenzial die Mannschaft besitzt und dass sie in der kommenden Saison durchaus ein Wörtchen im Aufstiegsrennen mitreden könnte.

Zwischen Kontinuität und Aufbruch: Sandhausen setzt auf Qualität

Natürlich spielt hierbei auch die Personalpolitik eine große Rolle: Das Motto in diesem Transferfenster lautet „Qualität statt Quantität“. Anders als in den Vorjahren, in denen der Kader regelmäßig auf 20 und mehr Positionen umgebaut wurde, soll diesmal gezielter gearbeitet werden. Im Kern geht es darum, die Abgänge qualitativ gleichwertig zu ersetzen und den Kader insgesamt zu schärfen.

Mit Benedikt Wimmer, Robert Ramsak und Marvin Schulz kehren gleich drei Leihspieler zu ihren Stammvereinen FC Bayern München, RB Leipzig und Preußen Münster zurück. Ein besonderer Einschnitt ist zudem der Abschied von Kapitän Pascal Testroet. Der 35-Jährige, der zuletzt noch einmal mit seinem 21. Saisontor gegen den FC Homburg glänzte, hatte im Laufe der Saison seinen Abschied angekündigt und richtet seinen Fokus nun auf eine Rückkehr in die Nähe seiner Familie.

Trotz dieser Abgänge bleibt ein gewisses Grundgerüst bestehen. Eine erfahrene Achse soll künftig für mehr Stabilität sorgen. Sportdirektor Loviso sprach nach der 1:3-Heimniederlage im Saisonfinale gegen Homburg von einer insgesamt durchwachsenen Runde mit Licht und Schatten. Mit Blick auf die kommende Saison kann es schon fast als Vorteil gewertet werden, dass die Saison „nur“ auf dem achten Tabellenplatz beendet wurde und der Sprung auf Rang drei durch die Niederlage am letzten Spieltag verpasst wurde, denn so wurden die Sinne nochmals geschärft.

Mit Stefan Maderer, der in der Regionalliga Nordost für Meister Lok Leipzig 14 Tore erzielte, Marco Kehl-Gomez als Kapitän des Südwest-Vizemeisters Freiberg und Mert Tasdelen vom Aufsteiger Großaspach hat Sandhausen bereits früh drei namhafte Neuzugänge präsentiert, die die Richtung vorgeben, in die es in der kommenden Saison gehen soll.

Verletzungen als Unsicherheitsfaktor

Gleichzeitig bleibt – wie in jeder Spielzeit – die Frage, ob alle Spieler fit und gesund bleiben. Nach Aussage von Sportdirektor Loviso sei die Mannschaft am letzten Spieltag „auf dem Zahnfleisch gegangen“. Spieler wie Kehl-Gomez, der am Tag seiner Vertragsunterschrift seinen 35. Geburtstag feierte, bringen viel Erfahrung mit, allerdings möglicherweise auch ein erhöhtes Verletzungsrisiko. Auch bei Maderer gibt es ein kleines Fragezeichen: Der Angreifer hat seit Mitte April kein Pflichtspiel mehr bestritten, soll seinen Haarriss im Fuß laut Loviso jedoch rechtzeitig bis zum Trainingsstart am 24. Juni vollständig auskuriert haben.

Hinzu kommt, dass einige Langzeitverletzte wohl nicht direkt zum Vorbereitungsstart wieder voll einsteigen können. Bei Denis Pfaffenrot gilt das praktisch als sicher, und auch hinter Maxi Wagner sowie Leon Ampadou bleibt der Werdegang ihrer weiteren Genesung offen. Noch länger fehlen werden Pablo Zahnen Martinez und Nico Nollenberger, die nach ihren Kreuzbandrissen ohnehin mit einer deutlich längeren Reha-Zeit rechnen müssen. Dennoch deuten die Transfers auf einen reiferen SV Sandhausen hin, der intern wohl das Ziel Aufstieg ausgerufen hat. Daran ändert auch die relativierende Aussage des Cheftrainers nichts: „Wenn ich am 34. Spieltag noch Trainer des SV Sandhausen bin, dann kann die Runde nicht so schlecht gewesen sein.“